Hunt Februar Total

HUNT oder Der totale Februar.

Hintergrund des Theaterstücks Hunt oder “Der totale Februar” von Franzobel sind die geschichtlichen Vorfälle des Februars 1934 im Hausruck Kohlerevier, die die gesamte Region Hausruck und sogar das gesamte Land erschütterten und noch heute bewegen. Im Mittelpunkt steht das persönliche Schicksal des damaligen Schutzbundführers Fageth (Karl Markovics) und dessen Freundin Maria (Stefanie Dvorak), historisch belegte Figuren.

Über die Vorgänge des Jahres 1934 wusste auch der aus dem nahen Pichlwang stammende Schriftsteller Franzobel zunächst nichts. Auch nichts vom benachbarten Holzleithen, wo sein Stück um den Sozialdemokratische Schutzbundführer Ferdinand Fageth eigentlich spielt. Schon im Vorfeld sorgte das Stück mit dem doppeldeutigen Titel für einige Aufregung. Gräben würden aufgerissen werden, befürchtete mehrmals öffentlich der ÖVP-Landtagsabgeordnete und Bezirksparteiobmann Anton Hüttmayr, wohnhaft im nahen Puchkirchen. „Zensur!“ war die Reaktion des Theatervereins, die Aufregung ging durch die österreichische Medienlandschaft, der Konflikt fand ins Fernsehen.

Am 5. August 2005, als die untergehende Sonne lautlos in den westlichen Hausruckwald einschlug, begann das „närrische“ Treiben vor übervollen Besucherrängen in fiebriger Erwartung: Das Plärren zweier historischer „Maurersachs“-Mopeds eröffnet die Vorstellung. Die beiden Hauptdarsteller Karl Markovics und Franz Froschauer betreten sehr dynamisch die Szenerie, Markovics als Fageth und Froschauer in einer Doppelrolle als radikaler Schutzbundführer Skrabal und als Heimwehrführer Frühwirt jagen sich, hetzen übers Gelände. Wie Regisseur Nicholas Ray im Film „Rebel without a cause“, mit James Dean in der Rolle seines Lebens, setzt Regisseur Georg Schmiedleitner gleich zu Beginn auf einen halsbrecherischen Wettkampf. Ein Kopf an Kopf-Rennen um die ideologische Poleposition entbrennt. Das Knattern und Husten der hochtourig gefahrenen Mopeds ist gleichsam das Signal für die am Set erscheinenden Mitglieder einer 30-köpfigen Reisegruppe, sich ihrer modernen Regenponchos zu entledigen, darunter kommtKleidung aus dem Jahr 1934 zum Vorschein. Bei der zweiten Umrundung des Kohlebrechers durch die beiden Hauptdarsteller auf ihren archetypischen Gefährten setzen sich auch die Frauen und Männer in Bewegung hin zum angedeuteten Arbeiterheim. Dort wird ausgelassen und maskiert geschunkelt und getanzt. Es ist Fasching im Februar 1934. Der feuchtfröhliche Vorabend der Revolution, Faschingskrapfen als Henkersmahlzeit. Die Schutzbündler tragen rote Hemden, die Hahnenschwänzler schwarze. Auf einem Balkon oberhalb der Szenerie, quasi über den Dingen: der maskierte Bezirkshauptmann Doktor Frühwirt, Typ verarmter Adeliger mit Hang zur Dekadenz, keift zum Schutzbundführer Fageth hinunter: „A Kugel gehört dir in jedem Fall, du Aufwiegler.“ Fageth antwortet im Jargon der Zeit: „Bin nicht neugierig auf dein Hahnenschwanzlergfries.“ Es wird totenstill, der entfesselte Tanz des Volkes wird nun leiser, summend, choreografisch weitergeführt. Die Gruppe im Arbeiterheim bewegt sich nun, wie die Äste eines Baumes vor dem Sturm. Nach der Stille dann erste hangreifliche Auseinandersetzungen. Der Zwist der beiden überträgt sich nun in rasender Geschwindigkeit aufs Volk. Schwarz-rote Abgründe tun sich auf. Das Stück zieht an, und Schmiedleitner alle Register. Wilde Massenszenen wechseln sich ab mit bedächtigen, leisen und intimen Momenten. Für monumentale Bildästhetik ist ebenso Platz wie für kleine Details und zweiflerische Zwischentöne. Es ist vor allem der „rote“ Ferdinand Fageth, der mit geradezu atemberaubend schönen Monologen und Visionen über Treue und Verrat, über Zögern und Handeln in Liebe und Politik von Franzobel bedacht wurde. Ergreifend spielt Karl Markovics den zaudernden Hausrucknapoleon. Er wird gleichsam zum Symbol einer ausgezehrten, unschlüssigen Sozialdemokratie und er deklariert in seinem Schlussmonolog:

„Das Volk ist eine Hure, das zeigt sich bei jedem Umbruch. Grauslich. Sieht, was es will, und treibt es mit jedem, der zahlt. Aber bin ich besser? Was für eine politische Richtung einer einschlägt, ob rechts oder links, hängt von den Umständen ab, aber was einer draus macht, ob er Mensch oder Arschloch ist, daran muss er sich messen lassen.”

— Ferdinand Fageth, Schutzbundführer

Untermalt, umfasst und vorangetrieben werden sowohl die Handlung als auch die Figuren selbst durch den Klang der Region. Wiedergegeben durch die famose „Bergknappenkapelle Kohlgrube“, den 20-kehligen „Hausruckchor“ oder das extravagante „Zwüfihüttn-Trio“. Beinahe immer präsent der außergewöhnlich Sound der „hunt Brass Band“ unter der Leitung von Rupert Schusterbauer. Sie peitscht, macht Mut und eskortiert. Ob Sargballett, Häuserkampf oder Bordellszene: „Im Puff ist immer Standrecht“, sagen die Huren Pepi und Resi, als der viehisch gewordene Heimwehrführer Frühwirt in Unterhose auf einem fahrenden Freudenhaus einfährt, sich mit Sekt und Huren vergnügt und anschließend zum Sturm auf die „Bastille der Proletarier“, dem Arbeiterheim, bläst. Höhepunkt des Stücks ist die historisch verbriefte Exekution der sechs Schutzbundsanitäter auf der Bühne des Kinosaals im Arbeiterheim. Fageth ist zu diesem Zeitpunkt dort schon nicht mehr anwesend. Er entfloh zuvor in die Umgebung und wird später in Frauenkleidern verkleidet aufgegriffen.

Der Showdown in Holzleithen ist wirkungsvoll arrangiert. Der letzte Vorhang fällt in Form einer über 200 Quadratmeter großen weißen Fahne. Sie bringt auch die übergroßen Schatten der Ermordeten zum Verschwinden die sich im Gegenlicht auf ihr abzeichnen. Übrigr bleiben, wie immer im Krieg der Männer, die Frauen, das Elend, viele Fragen und ein fürs das Erstarken der Nationalsozialisten aufbereiteter Weg. Das Stück über die Entwicklung der Sozialdemokratie im letzten Jahrhundert gerät dabei nie zum tölpelhaften Lehr- oder Agitationsstück. Im Gegenteil: Polittheater, das mehr als den Namen Volksstück verdient. Beim traditionsreichsten und begehrtesten österreichischen Theaterpreis, dem „Nestroy“ heimste „hunt“ als erfolgreichstes Theaterstück den Spezial- und den Autorenpreis 2005 ein und war damit erfolgreicher als das Burgtheater und sämtliche Festspiele. Im darauf folgenden Jahr wurden dem Stück der oö. Bühnenkunstpreis und der regional vergebene Vöckla Kultur-Award verliehen. Nicht erwartete Auszeichnungen, die zeigen, was mit Engagement und Risikobereitschaft alles möglich ist. Die Theateraufführung von „hunt oder Der totale Februar“ war aber nicht nur ein preisgekrönter Erfolg bei Presse, Publikum und JurorInnen, sondern ist auch der Beweis dafür, dass Sommertheater kritisch, sperrig, politisch offensiv UND erfolgreich sein kann.

„Die insgesamt 12.000 BesucherInnen wurden zu GeburtshelferInnen eines neuen Typus von Polittheater. Immer in klarer Abgrenzung zum Schickeria-Treff in Salzburg und zur Nostalgie-Sause in Mörbisch.”

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Hunt oder Der totale Februar

Uraufführung

Ferdinand Fageth Schutzbundkommandant Karl Markovics
Maria seine Freundin Stefanie Dvorak
Skrabal Schutzbundführer Franz Froschauer
Frühwirt Heimwehrführer Franz Froschauer
Narren Séamus Hamilton, Stefan Topitz
Närrinnen Tanja Jetzinger, Angela Schausberger
Erster Schutzbündler Hubert Fellner
Zweiter Schutzbündler Bernd Etzlinger
Erster Gendarm Mathias Wilflingseder
Zweiter Gendarm Anton Pohn
Dritter Gendarm Jakob Jedinger
1 Heimwehrler Alois Fellner
Theo Platzer junger Soldat Michael Aigner
Kathi seine Freundin Michaela Schausberger
Frau Vierfinster Franziska Doblhammer
Toni Zarybnicky Alois Kreuzwieser
Josef Zarybnicky Andreas Keckeis
Berger Johann Donnermair
Bergers Frau Rosmarie Binder
Charlotte Fageths Cousine Ulli Leitner
Hauptmann Alois Sattleder
Bote Johann Schwarzböck
Hure Rosi Beate Gründlinger
Hure Pepi Stefanie Aigner
Hure Vroni Sabine Huemer
Erlkönig Hartmut Kilgus
Lobmeier Alois Holl
Frau eines Erschossenen Ulrike Leitner
Pfarrer Hans Greil
Eine Frau Anneliese Hummer
Dr. Hitzenberger Josef Thon
Junge Tobias Glück
1. Sanitäter Johann Schwarzböck
2. Sanitäter Alois Aigner
Histograph Chris Müller

6 Sargträger
Johann Donnermair, Jakob Jedinger, Alexander Lughofer, Anton Pohn, Alois Holl, Tobias Glück

Weiberchor

Inge Aigner, Stefanie Aigner, Sylvia Aigner, Rosmarie Binder, Michaela Deisenhammer, Franziska Doblhammer, Monika Duftschmid, Marlies Fellner, Beate Gründlinger, Sabine Huemer, Anneliese Hummer, Margit Koudelka, Ulrike Leitner, Isolde Mühlleitner, Andrea Schnötzinger, Heidemarie Schusterbauer, Michaela Simmerer

Kinder

Manfred Ahammer, David Bachmayr, Anna Bachmayr, Sebastian Deisenhammer, Stefanie Glück, Oliver Groß, Elisabeth Halder, Felix Halder, Georg Halder, Annika Herda, Alexander Hinterleitner, Simon Jedinger, Maximilian Klinger, Melanie Mayr

Männer

Manfred Ahammer, Alois Aigner, Franz Halder, Johannes Herda, Hans-Peter Keindl, Bernhard Meier, Patrick Penetsdorfer, Karl Posch, Chris Müller

Frauen

Edith Ahammer, Judith Anzengruber, Helga Berger, Hildegard Berger, Marie-Luise Brückl, Petra Forstner, Johanna Halder, Christa Hellwagner, Tamara Herda, Monika Hinterleitner, Martina Keindl, Romana Ott, Romana Penetsdorfer, Tamara Schindlmeir, Maria Schmalwieser, Eva Schneider

Violine Sebastian Gogl Panflöte Walter Steiner

Gesangschor (unter der Leitung von Rupert Schusterbauer)

Gabriele Anzenberger, Kerstin Anzenberger, Kathrin Auer, Ewald Auinger, Bernd Gogl, Kerstin Hattinger, Sandra Huber, Maria Kienbauer, Julia Kirchsteiger, Albert Lettner, Ulrike Macho, Hubert Möslinger, Hans Pacher, Reinhard Pflügl, Hertha Pichler, Franz Pointner, Gertrude Pöttinger, Martin Schausberger, Maria Schiemer, Anna Schindelar, Stefan Wegleitner, Birgit Wiesinger, Anna Willich, Christine Wimmer, Gerold Wimmer

Brass-Band (musikalische Leitung und Kompositionen von Rupert Schusterbauer)

Richard Benetseder, Alexander Brückl, Stefan Brunnbauer, Phillip Buttinger, Klaus Ganglmayer, Peter Heftberger, Michael Hinterleitner, Jimmy Mayrhuber, Georg Rabengruber, Rupert Schusterbauer, Hubert Steiner

Bergknappenkapelle Kohlgrube (unter der Leitung von Hermann Mayr)
Zwüfihüttn Trio

Regie Georg Schmiedleitner
Bühnenbild Stefan Brandtmayr
Kostüme Cornelia Kraske
Musikalische Leitung Rupert Schusterbauer
Licht und Ton Fritz Kronlachner
Dramaturgie Barbara Falter
Produktionsleitung Chris Müller
Regieassistenz Ottilie Klinger, Margit Winkler
Souffleuse Marianne Pacher
Maske Anna Maria Schobesberger
Bühnenbildassistenz Chris Müller
Kostümassistenz Andrea Nußbaumer, Andrea Thaler, Gabriele Rudolf
Inspizienz Josef Nagl
Bühnenmeister Sepp Leitner
Bühnentechnik Christoph Staufer
Foto Reinhard Müller, Wolfgang Pichler

Kunstuni Linz
Elisa Andeßner, Veronika Barnaš, Veronika Gruber, Steffi Mold, Chris Müller, Monika Rannert, Laura Tănase

Wir bedanken uns bei folgenden Personen für ihre Mitarbeit:

Gerhard Barthel, Thomas Baschlberger, Franz Berlanda, Fritz Distler, Helmut Haidinger, Erwin Ketter, Roland König, Elisabeth Leitner, Sepp Leitner, Mathilde Leitner, Franz Loidl, August Mayr, Chris Müller, Sonja Müller, Kerstin Müller-Brenneis, Josef Nagl, Patrick Penetsdorfer, Jakob Ruf, Josef Schuster, Emil Söser, Christoph Staufer, Helmut Traunwieser, Gerhard Wimmer, Josef Zajicek

Obmann Roland König
Obmannstellvertreter und künstlerischer Leiter Josef Nagl
Schriftführerin Elfriede Steinkellner
Kassier Franz Loidl
Infrastruktur Sepp Leitner
Bürgermeister Emil Söser

Aufführungsrechte: Thomas Sessler Verlag Wien

Pause nach dem 3. Akt

Premiere: 5. August 2005